Stell dir vor, es geht, aber keiner kriegt’s hin – Essay

Ich konnte keinen Platz reservieren im ICE von Nürnberg nach Erfurt. Jeder dritte Passagier in meinem Abteil trägt Camouflage, mal mit mehr, mal mit weniger Abzeichen versehen. Blicke, ruckelnde Körper im ruckelnden Zug, entspannt ist was anderes. Ich setze mich in eine kleine Ecke auf den Boden, die liegt zwar zwischen den Toilettentüren, aber hier störe ich niemanden und lese in Ruhe Oxygenien von Klára Fehér, ein treffsicherer dystopischer Roman aus den Siebzigern. (Wer die PDF will, fragen!) Der Teppichboden ist weich und warm und das Bahnpersonal lässt mich freundlich sitzen. Mir geht es echt gut dort mit nem Minztee in der Hand für 3,70 €. Mal eben Instagram öffnen…

Zwischen Werbungen für die nächste Trading App und irgendein Klamottenlabel lese ich Informationen über die russische Invasion, schaue die Clips an: Luftangriffe, entfernte Explosionen, Bombengewitter am dunklen Horizont, dann die Aufnahme eines Kampfjets über Wohngebiet, die Bomben schlagen ein paar Meter entfernt von der filmenden Person ein.
Der Teppich ist weich und warm. Mein Puls bleibt, wo er ist. Warum juckt mich das nicht?
Hab vielleicht schon zu viel gesehen. Nicht nur in Serien und Filmen ist Gewalt und Krieg en vogue, in den letzten Jahren habe ich mir etliche Aufnahmen und Berichte aus Krisen- und Kriegsgebieten gegeben. Das ist irgendwie zum Alltag geworden. Was kann ich tun? Naja, Frieden verteilen so gut es geht. Spenden, bewusst konsumieren, den inneren Krieg angehen. Scheiße, darin bin ich noch nicht gut, aber immerhin versuche ich es.
Ich erinnere mich an einen Freund, der vergangene Woche bei mir aufgetaucht ist und plötzlich lautstark auf Putin geschimpft hat. Ich war an dem Tag sowieso schon abgefuckt drauf und grinste ihn dümmlich an. Das war mir zu viel, wie er wutentbrannt in meiner Wohnung umher stapfte.
Ich saß da und dachte darüber nach, dass ich schon vor einem Monat mit einem Freund darüber gesprochen hatte, dass der Krieg bald beginnen wird. Was heißt beginnen wird. Der herrscht in der Ukraine seit 2014 (?). Im Nahen Osten seit 30 Jahren. Ach nee, ist nur Konflikt? Was für eine Wortklauberei. Gedanken über die gesellschaftliche Stimmung, willkürlich wirkende politische Entscheidungen. Wieder ein Gedanke: Krieg zwei Länder weiter, davor waren es halt fünf oder sechs oder so. Ist ja nicht so, als wäre das ne neue Erfindung. Außerdem rüsten doch Europa und die USA und China wie die Idioten vor sich hin. Ich erinnere mich an eine Bushaltestellenwerbung: Bringt dein Plan den Eurofighter ans Ziel? Lol, was zum Fick. Was ist denn das beschissene Ziel des Eurofighters? Ich packe mein Smartphone weg und widme mich lieber der Dystopie.

Peter, der Protagonist von der gesunden, blühenden Erde, ist auf dem Planeten Oxygenien gestrandet, auf dem Machthunger und Kontrollsucht jede Natur zerstört und verseucht haben. Die acht Milliarden Menschen in den Bedienerstädten können wegen des Sauerstoffmangels kaum denken und sollen das auch gar nicht. Die Kids, deren Gehirne Begabungen versprechen, werden früh ausgewählt und auf langen Wegen in dem entsprechenden Bereich durch maschinellen Input gebildet, doch bitte nur in diesem, und so leben sie mit gewissem Luxus und genügend Sauerstoff in der Stadt der Sich-Erinnernden und arbeiten fachspezifisch lang hin. Wer zu verknüpft denkt, dem fällt vielleicht noch ein gefährdender Gedanke ein, und das wäre gar nicht gut für Oxygenien. Da sind wir uns doch einig.
Zum Glück gibt es die Maschinen, die die Gehirnströme untersuchen und die aussortieren, die selbst denken. Zum Glück kann man mit der Maschine nicht diskutieren. Das würde alles viel zu viel Sauerstoff verbrauchen.
Das Bild, das Klára Fehér entwirft, trifft in meinen Augen einige Punkte genauer als Orwells 1984 oder Huxleys brave new world. Naja, alles lesenswert. Genauso die dystopische Analogie auf unsere Zeit von E. M. Forster in unter 70 Seiten: Die Maschine steht still.
Ich versteh’s auch, wenn es dir gerade einfach zu anstrengend wird und du lieber ne Romcom mit deinen Homies anschaust. Ich freue mich auch über jeden Tag, an dem ich nicht in Zweifel und Zwangsgedanken versinke. Wird besser, je länger ich mich um mich kümmere, nur sind die News nicht so hilfreich. Wieder taucht die Frage auf: Was tun? Sachen spenden, auf Demos gehen.

Der Zug hält in Erfurt. Ich trete auf den Bahnsteig und laufe langsam die Treppe hinunter, weiter durch die hallenden Flure bis auf den Willy Brand Platz. Die Menschen wirken angespannt, teilweise ängstlich. Selten sehe ich eine freudige Begrüßung oder ein Lächeln. Naja, ist nichts Neues. Seit dem Ausbruch der Pandemie hat sich das verschärft, aber schon davor waren die meisten Menschen so drauf. Steht zumindest so in meinen Tagebüchern. Muss wohl dieser Kapitalismus sein.
Ehrlich gesagt hilft mir die ganze Situation, darüberstehen zu lernen, zu lächeln und die Sonne zu genießen, wie sie eben scheint.
Ich rufe meine Tante an, die wollte mich abholen, sie geht nicht ran. Geschenkte Zeit. langsam schaue ich mich um, die dünne Wolkendecke verteilt gleißendmattes Licht wie eine fette LED Lampe auf dem Platz.
Ich fange intuitiv an, auf der Stelle zu tanzen. Das habe ich mir angewöhnt, einfach weil es Spaß macht und gut tut. Ich lese dabei eine Nachricht von einer Freundin, die selbst im Zug sitzt und weint, weil sie den Frieden kennt und den Krieg auch. Tanzend nehme ich eine Sprachnachricht auf, hoffentlich beruhigend, ordnend. Ein ganzes Stück spiritueller als der Text hier, naja, vielleicht später dazu ein, zwei Gedanken.
Ich tanze weiter, Menschen schauen mich verwirrt an, ist mir egal, ich beobachte ein junges Pärchen, dass sich verliebt in die Arme fällt und sich innig küssend begrüßt. Ich schreibe ein paar Worte an die Freundin: ‚Don’t forget life as it is – it’s that one where the sun comes up every single day, it’s where love kills hate with an easy smile and just for fun.‘
Langsam laufe ich los auf der Suche nach nem günstigen Mittagessen. Ein paar Meter vom Platz entfernt sitzt ein Obdachloser, der mir mit erstaunlich intakten Zähnen herzlich zulächelt. Er deutet nicht mal auf seinen Kleingeldbecher. Ich krame einen Euro hervor und frage mich, ob ich dumm, naiv, nett, alles auf einmal oder gar nichts davon bin.
Am nächsten Imbiss bestelle ich einen Dürüm mit Falafel für mich und einen Döner mit Fleisch für den Obdachlosen. Als ich ihm den warmen Alufolienklumpen reiche, leuchten seine Augen wie die des jungen Mannes, der vorhin seine Freundin in die Arme schließen konnte. Wir essen beieinander, dann verabschiede ich mich einsilbig. Er wünscht mir lächelnd und in osteuropäisch akzentuierten Englisch einen guten Tag.
Meine Tante geht noch immer nicht ran, ich setze mich ins Café Willy B. und bestelle einen Milchkaffee, sie haben nicht mal Pflanzenmilch, na toll. Ich starre durch die Gegend und überfliege aus Langeweile die Karte und bleibe an einem Zitat des ehemaligen Bundeskanzlers hängen: „Wo Hunger herrscht, ist auf die Dauer kein Friede.“
Joar, safe, nur trifft das auch auf Machthunger und anderes Verlangen zu. Ich krame Tablet und Tastatur hervor und beginne das Ding hier zu tippen. Meine Tante ruft mich an. Die Arbeit… Sie ist in zehn Minuten da. Wir freuen uns.
Ich lege auf und höre ungewollt einen Gesprächsfetzen hinter mir. Irgendwas mit Luftangriff, ich drehe mich um und sehe das vorhin noch glückliche Pärchen mit entgleisten Gesichtern aneinander lehnend und ins Leere starrend. Ich frage mich, ob sie persönlich betroffen sind oder sich persönlich betroffen fühlen und ob es da einen Unterschied gibt. Das Gespräch verläuft sich in Schweigen.
Ich tippe ein bisschen und trinke einen wundervoll duftenden, heißen Milchkaffee, also, äh, nach Baristastandards ein grottenschlechtes Getränk, die Milch zu stark geschäumt und zu heiß, der Kaffee unausgewogen bitter. Mein Kopf versucht über Luxus und Ansprüche nachzudenken und bleibt bei einem Gedanken hängen: Mir geht es so gut, mir geht es so richtig gut. Ich hab sogar das Geld, um hier drin sitzen zu können. Es ist alles gut. Schau, die Sonne kommt wieder raus.
Ich bezahle und verlasse das Café.

Meine Tante umarmt mich liebevoll und will dann Blumen für einen Geburtstag besorgen, also ein paar Meter in die Innenstadt stiefeln. Während sie den Laden durchkämmt, stehe ich draußen auf dem Bürgersteig und nuckele an einer Kippe. Nach einer Minute laufen drei Kids an mir vorbei, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt. Ich höre zwei Stimmen.
Die erste: „Aber die Amis sind viel krasser als Russland!“
Die zweite: „Und wir erst!“
Mehr konnte ich nicht aufschnappen.
Vielleicht reden sie über ein League of Legends Turnier, bestimmt, nicht. Was mich daran am meisten abfuckt, ist dieses wir.
Wer führt denn überhaupt den Krieg? Nationen sind nur abstrakte Ideen. Wer von Wir spricht, weißt lieber bestens Bescheid, wen er genau meint, oder er irrt.
Meine Tante durchsucht dann einen anderen Laden nach irgendwas und ich stehe draußen in der Sonne, beschäftige mich mit meiner Haltung und versuche Verkrampfungen loszulassen, meinen Rücken als Ganzes zu spüren, solchen Kram. Ich werde unruhig, die Gedanken verhaspeln sich, ich gehe meiner Tante hinterher und nach zwei Metern habe ich gar keine Lust auf das parfümierte, cremeweiß eingerichtete Geschäft. Als ich abdrehe, bemerke ich neben mir eine Wand voller Postkarten. An einer bleibe ich hängen: „Wenn du auf ein Zeichen wartest, das dir sagt: Alles wird gut! Hier ist es.“
Ich nehme ein Video auf, wie ich draußen stehe, in den Laden abbiege und auf die Karte zugehe. Dazu das Lied „Nie wieder Krieg“ von Tocotronic für die Instastory. Das Album ist vor einem Monat am 28. Januar 2022 erschienen. Ich denke darüber nach, dass es immer Künstler gab, die schon Jahre vor dem Ausbruch eines Krieges Texte darüber geschrieben haben. Manche Menschen spüren das. Die Stimmung in der Gesellschaft, in den Nachrichten. Ich glaube, der Dichter Georg Trakl war einer davon vor dem ersten Weltkrieg.
Fuck, denke ich. Was kann ich dagegen tun? Was kann irgendwer dagegen tun? Immerhin wird Russland wirtschaftlich blockiert, und dafür verzichten manche Unternehmen auf gigantische Summen. Könnte man das friedliche Kriegführung nennen?

Nachdem ich die Story gepostet habe, schaue ich auf den obersten Beitrag in meinem Feed. Darunter ein Zitat von Albert Einstein. Es lautet in etwa: „Um Sicherheit vor Atombomben […] zu haben, müssen wir den Krieg verhindern, denn wenn wir den Krieg nicht verhindern können, wird jede Nation jedes Mittel einsetzen, das ihnen zur Verfügung steht; und trotz aller Versprechen, die sie geben, werden sie es tun. Zeitgleich, solange Krieg nicht verhindert wird, müssen sich alle Regierungen der Völker auf den Krieg vorbereiten, und wenn man sich auf den Krieg vorbereiten muss, befindet man sich in einem Zustand, in dem man den Krieg nicht abschaffen kann.“
Das Zitat steht da in englischer Sprache. Ich hab es eben mal übersetzt. Ich speichere den Post und denke: Das sagt doch auch Gandhi, nur anders herum: Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.
Wenn ich also in einer friedlichen Welt leben möchte, dann muss ich friedlich leben. Komme was da wolle.
Mein Nachbar will Krieg spielen? Soll er mich schlagen, ich werde versuchen, den Kreislauf zu brechen.
Tolstoi hat eine Kurzgeschichte geschrieben, in der er von einem Bauernstaat erzählt, der erobert werden soll. Die Einwohner sind verwirrt und fragen die Soldaten, ob sie denn bei sich nicht gut leben können. Sie können gerne hier bleiben, können Nahrung bekommen und einen warmen Schlafplatz. Daraufhin kehren die Soldaten zurück und teilen ihrem König mit, dass man gegen dieses Land keinen Krieg führen kann. Zum Krieg führen braucht es zwei. Frieden schließen kann jeder mit sich allein.

Meine Tante hat Geschirrtücher gekauft. Wir laufen zum Auto und reden über ihre Akupressurausbildung. Das funktioniert wie Akupunktur, nur halt mit Fingerdruck. Sie gibt mir ein Pocketbuch in die Hand, in der die Nervenbahnen und -Punkte beschrieben werden. Ich stelle erleichtert fest, dass meine Körperwahrnehmung in der Meditation den Energielinien zumeist entspricht, zumindest in den Teilen, die ich genau wahrnehmen kann. Nach zwei Jahren täglicher Meditation bin ich vielleicht doch auf einem guten Weg, den inneren Krieg zu befriedigen. Ich werde auf jeden Fall weitermachen damit.
Im Auto sagt die liebe Tante zu mir: „Und jetzt lehnst du dich zurück und machst mal die Augen zu.“
Ich bin dankbar und schlafe innerhalb weniger Minuten ein.

Bei meinen Großeltern angekommen werde ich erst einmal mit gutem Essen vollgestopft. Danach spreche ich sie auf den Erbstreit innerhalb der Familie an. Das Thema blende ich seit fast zwei Jahren bewusst aus. Es ist nicht mein Bier, habe ich lange gesagt. Jetzt kam es von allen Seiten auf mich zu, einmal mit dem Wort Familienkrieg. Also jetzt oder nie, denke ich.
Oma und Opa erzählen von den Nachbarn, die ihren Hof nicht in eine Hand gegeben, sondern beiden Kindern vermacht haben. Mittlerweile teilt eine hohe Hecke den Hof. Zwist und Ärger.
Ich werde jetzt nicht meine Familienangelegenheiten mit euch teilen, nur so viel: Ein späterer Gesprächspartner beschreibt die Tatsache, dass Familien am Geld zerbrechen, als ‚echte Welt‘. Ich sage dazu ‚aktuelle Welt‘.
Solange wir den schnöden Mammon und Ressourcen als wichtiger erachten als den Frieden, werden wir die friedlichen Wege, insbesondere das Teilen über Grenzen hinweg, nicht finden.
Mir ist es scheißegal, welcher Name auf der Besitzurkunde des Bauernhofs meiner Großeltern steht. Solange ich im Frieden mit meiner Familie bin, werde ich immer zu ihnen gehen können, ich werde dort mit ihnen leben können, wenn ich das will, und mit offenen Armen empfangen werden. Wir werden uns unterstützen, so gut wir können, egal ob wir am selben Ort leben oder nicht. Klingt vielleicht naiv, aber das macht es nicht weniger wahr.

Wenn ich jetzt schreibe, dass die Menschheit im Grunde eine Familie ist und dass Krieg zwischen Menschen ist, weil er in den Menschen ist, kannst du da mitgehen? Kann ich vielleicht noch eins draufsetzen und schreiben, dass Jesus letztendlich Widerstandlosigkeit gelehrt hat und dass das der Weg zum Frieden ist?
Ah, warte, vielleicht bin ich ja schon viel zu weit vorgeritten: Kannst du dir eine Welt ohne Krieg überhaupt vorstellen?
Äh, noch n Kilometer zurück: Kannst du dir vorstellen, mit dir selbst im Reinen zu sein, sodass du friedlich bleibst, egal was da kommt?
Ich kann es mir vorstellen, manchmal fühlt es sich schon so an, und dann passiert wieder irgendein Bullshit und ich lasse meinen Unmut an den Menschen aus, die ich doch eigentlich liebe.
Dann drehe ich am Rad, bis ich endlich verstehe, dass es andere Wege gibt, dann kann ich meditieren, spüre den Schmerz und lerne, ihn anzunehmen und loszulassen und Stück für Stück wird es leichter. Der Frieden ist dann einfach da. Ich kann ihn nicht erkämpfen, ich kann mich ihm ergeben.
Also, egal wie abgefuckt und anstrengend diese Zeit ist. Das mit dem Frieden ist so eine Sache. Stell dir vor, es geht.

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