Ein paar Jahre her – Gedanken

Ich bin obdachlos. Das geht jetzt seit ein paar Jahren so und ich finde keinen Grund auf einem anderen Weg Teil der Menschheit zu sein. Mein Leben ist einfach gestrickt. Ich habe, was ich bekomme und nehme mir, wovon ich denke, das ich es wirklich brauche. Ich weiß, dass ich auch Dinge nehme, die ich nicht brauche. Ich weiß es nicht sicher. Brauche ich Zigaretten? Es fühlt sich für mich normal an, am Straßenrand zu sitzen und vor mich hin zu schauen. Die Gedanken kommen und gehen und ich schaue überall und nirgendwo hin. Menschen hasten am mir vorbei. Die meisten alleine. Da sind auch Gruppen und manchmal lachen sie, aber immer nur kurz. Gruppen, die ich draußen zusammen sehe, sind immer anders. Je nach dem, wo ich bin. In den Parks finde ich sie alle. Es gibt die Leute, die trinken und quatschen, und es gibt die, die herumsitzen und lesen, die Spiele spielen. Manchmal hat jemand eine Gitarre dabei. Manchmal möchte ich ein bisschen Gesellschaft, dann gehe ich zu ihnen und lerne irgendetwas kennen. Ich finde, dass ich auf diesem Weg keinen ganzen Menschen kennenlernen kann. Es sind immer nur Bruchstücke von Persönlichkeiten. Oft machen mich diese Begegnungen traurig, weil ich dabei erlebe, wie Menschen sich selbst erschaffen durch Meinungen und Worte, von denen sie glauben, dass sie cool sind oder zumindest in die Situation passen. Ich habe aufgehört, ich selbst sein zu wollen. Ich kann es gar nicht nicht sein. Das macht mich krank: In einer Welt zu sein, die mir nicht gehört. Alles um mich herum gehört jemandem, der ich nicht bin, selbst der Boden, auf dem ich sitze. In so einer Welt will ich nicht leben. Wenn ich an Tabak komme, dann laufe ich den Tag durch die Stadt und teile ihn mit den anderen Obdachlosen. Da ist Frank, ein heruntergekommener Musiker, der durch die Flasche und eine zerbrochene Familie auf der Straße gelandet ist. Mittlerweile sitzt er häufiger stumm da und rührt die zerdellte Gitarre nicht an. Da ist Gregor. Der lehnt in einem dunklen Metalldurchgang. Vor ihm fahren hunderte Straßenbahnen vorbei, tausende Menschen. viel mehr sieht er nicht. Von Zeit zu Zeit essen wir auch nen Döner zusammen. Wenn ich ihm nichts mitbringe, sehe ich ihn nie essen. Sein Gesicht ist dünn und eingefallen. Er guckt mich nie direkt an, außer ich bin noch Meter entfernt und begrüße ihn. Ich finde das okay. Es ist anstrengend, Menschen anzuschauen. Ich hätte fast kaputte Menschen geschrieben, nur habe ich lange keine Menschen gesehen, die es schaffen, zumindest den Anschein zu erwecken, sie wären heil. So habe ich vergessen, was das bedeutet, oder, ich bin mir nicht sicher, ob ich das jemals wusste. Als ich jung war, verband ich damit ein diffuses Gefühl der Leichtigkeit und des Glücks. Wie eine warme Brise wurde ich davon erfasst und dann ging sie vorüber. Ich war in diesem Wind in einigen Momenten mit Menschen, mal beim Schreiben und in der Musik. Ein Gefühl des Verstehens einer Sache, die zu groß war, um endgültig verstanden sein zu können. Drogen verstärken das manchmal, mal reißen sie mich hinaus. In den Jahren nach der Schule machte ich unzählig viele Jobs, bis ich erkannte, dass ich mit diesem Gefühl kein Geld verdienen würde. Nicht in dem Sinn, dass ich das Gefühl vermarkten wollte. In den Strukturen, die diese Jobs vorgaben, fand ich es nicht. Nur draußen, außerhalb der Zimmer und der alltäglichen Gedanken. Ich beschränkte mich so gut es ging auf die Kunst und das Umhertreiben in den Straßen und fühlte mich bald nirgendwo mehr Zuhause. In der Zeit sah ich stumm in Gesichter, bis sie alle gleich aussahen. Jeder Anzug sprach vom selben Mangel, Jeder Kragen erzählte die gleiche Geschichte der Unzulänglichkeit und ich fragte mich, warum wir glauben, dass unsere Probleme unsere ganz eigenen sind. Ich konnte das ganze nicht mal in Worte fassen, geschweige denn es einem Menschen zu verstehen geben, der nicht ich war. Ich habe Menschen getroffen, die meinten, sie hätten diesen Gedanken schon gedacht. Es fühlt sich eher so an, als hätten sie das schon gelesen oder gehört. Als ich den Gedanken wirklich dachte und ihn von innen hervorbrachte, da war ich mitten in ihm drin. Ich saß auf einer Bank am Flussufer und schaute auf die ganzen Körper um mich herum, die sowieso ohne Pause an ihren Mängeln werkelten. Ich dachte, wenn ich aufhöre, mich mit Scheiße voll zu pumpen, dann würde ich so oder so heilen. Ich musste gar nichts tun. Im nächsten Moment fiel mir ein, dass ich das die ganze Zeit versucht hatte und um einiges nicht umhinkam. Licht, Luft, Essen, Wärme, Schlaf, Menschen, Denken. Wie könnte ich das in eine sinnvolle Abfolge bringen, die mich trägt? Ich wusste das nicht und ich wusste nicht, wo ich so etwas suchen kann. Ich erinnerte mich an das Gefühl, das mich immer seltener überkam. Ich wollte eine Metapher finden und wusste nicht einmal mehr, was eine Metapher ist. Ein Bild. Ja, ich lebe in Bildern. Alles, jeder Moment, jetzt. Was davon ist keine Metapher? Ich kann der Wirklichkeit immer nur in einem Zustand begegnen. Wie komme ich da raus? Was ist flow? Wie kann ich denn einfach nur im Fluss treiben?

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