Vom Stehenbleiben – Kurzgeschichte

„Bertolt Brecht hat’s schon gesagt: ‚Man rennt und rennt und das Glück rennt hinterher.‘ Und ich glaube nicht, dass sich heutzutage noch jemand traut anzuhalten und stehen zu bleiben.“
Kopfschüttelnd saß der alte, mit Schlapphut und Mantel gekleidete Mann auf einer Parkbank. Die schneeweißen Haare hingen leicht gekräuselt auf seinen zitternden Schultern wie der dünner werdende Rauch aus seiner Pfeife stieg. Sie hing da so in seinem Mundwinkel, während er mit sich selbst sprach. Ich konnte ihn dennoch ganz gut im Vorbeijoggen verstehen.
Ich wusste nie so recht, was man von diesen Einzelgängern halten sollte. Wie sie so dahocken und sich selbst bemitleiden, über die Welt und das Wetter meckern, aber sich trotzdem allein den Hintern auf einer Parkbank festfrieren. Ich wollte sowieso eine Pause machen. Ich hielt also eine an, lief die paar Schritte zurück und setzte mich auf das andere Ende der Bank. Erst einmal durchatmen.
„Weißt du was, Junge?“, der Mann schaute mich an. Höflich hing die Pfeife in seiner Hand. Der Tabak roch stark nach einer verkohlten Frucht, Banane oder so.
„Hey Junge! Früher hat man noch geantwortet.“
„Oh, tut mir leid.“
„Du könntest Politiker werden, weißt du das? Einfach nichts tun und sich danach dafür entschuldigen.“
So ein Zeitgenosse ist das also.
Ich erwiderte „nein, danke“, als wäre das ein Angebot gewesen
oder so.
„Sie hatten da etwas von Brecht gesagt, oder?“
„Wie? Weißt du was, Junge? Früher war eine Bank etwas zum Ausruhen. Heute geht es da nur noch um Geld. Und Räte, Räte sollten einem bei einer Entscheidung helfen und nicht die Entscheidung
selbst treffen. Und Freiheiten. Was sind schon Freiheiten. Entweder man ist frei, oder eben nicht. Heute hat man die Freiheit nicht frei zu sein. Das versteht ja keiner mehr.“
„Wie meinen Sie das? Wir sind ja nicht gerade gefangen. Ich meine, ich kann doch gehen, wohin ich will.“
„Du kannst glauben, was du willst. Aber die meisten glauben ja an nichts.“
Blödsinn, dachte ich. Ich bin doch das beste Beispiel. Ich glaube, und nicht gerade an wenig Sachen.
„Ich glaube an Möglichkeiten“, brachte ich hervor.
Der Mann hob seinen Blick.
„Früher, ja früher gab es noch Möglichkeiten. Da konnte man noch aufstehen, allen sagen, was man dachte. Und man rannte nicht und schaute nicht weg.“
Es war merkwürdig, wie mich diese Bitterkeit zum Nachdenken auffordern konnte. Ich sträubte mich innerlich dagegen. Nur weil jemand alt ist, ist er noch lang nicht weise oder so.
„Wer denn zum Beispiel? Wer ist aufgestanden, hat seine Meinung gesagt und damit etwas verändert?“
„Luther“, quoll es mir durch den kalten Rauch entgegen, „der hat seine Meinung publik gemacht. Er stand dazu und konnte nicht anders. Und das Glück stand genau hinter ihm. Aber du, renn du mal weiter. Der alte Brecht hat’s schon gesagt: ‚Man rennt und rennt und das Glück rennt hinterher.‘“
Verwirrt schweigend stand ich auf und wusste nicht, renne ich vor, oder zurück. Stehen bleiben konnte ich hier jedenfalls nicht.

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