Space between things – Kurzprosa

Lücke

Es klopft. Keinen Reaktion. Ein kleiner Junge starrt auf die Maserung der Bürotür und auf die goldene Klinke. Nach einer halben Minute klopft er noch einmal.
Einen Moment später hört er ein: „Was ist denn?“
Max betritt leise das Zimmer und schaut die Rückenlehne des Drehsessels an. Der Vater sitzt gebeugt in den Bildschirm vertieft.
Max wartet, bis der sich umdreht.
„Mach die Tür zu, es wird kalt.“
Max schließt sie schnell und leise mit beiden Händen an der Klinke.
Er dreht sich wieder zu seinem Vater, die Hände ineinander verkeilt: „Ähm, Papa? Weißt du, das mit dem Fahrradschlauch…“
Der Vater tippt etwas, Max wartet.
„Was gibt es denn?“, fragt der Vater nach eine Weile ohne aufzuschauen.
„Ich krieg den Mantel nicht über die Felge. Kannst du mir dabei helfen?“
„Nimm einen flachen Schraubendreher und hebel den Mantel einfach darüber. Das kriegst du doch hin, oder?“
Max Zehen krallen sich in den Teppich, die Handknöchel leuchten weiß. Sein Blick schweift über die Bücherregale und Aktenberge, die fleckige Kaffeekanne und die blau lasierte Tonschale mit Gebäck.
„Ok.“
Max greift die Klinke mit beiden Händen, schleicht zurück in den Flur und schließt die Tür schnell und leise.

Sperre

Der getrocknete Fleck Marmelade auf dem Küchentisch löst sich nicht. Sam wischt langsam in Kreisen über die Eichenplatte, er ignoriert die Kerben an der Tischkante. Sie sind beinahe ergraut. Neben der Spüle steht dreckiges Geschirr, die Wohnung ist aufgeräumt genug, denkt er. Sam füllt den Wasserkocher halb, stellt ihn an.
Er öffnet die Schublade unter dem Besteckkasten und holt zwei saubere Tassen heraus, dazu die letzten zwei Beutel Tee.
Die Fäden wickelt er zweimal um den Henkel, hält einen Moment inne und schaut gelassen. Dann schiebt er sie neben den Wasserkocher und verlässt durch die gläserne Balkontür die Küche.
Er sackt in den Baststuhl und greift blind nach der Schachtel auf der Ablage. Die Stadt liegt noch im Nebel, erst am Nachmittag soll die Sonne die Wolken auflösen, denkt er, zieht an der Zigarette und wartet.
Es brodelt und klickt leise, Sam bleibt sitzen, fährt sich mit der Hand über die Stoppeln am Kinn. Er drückt die Zigarette vorsichtig aus. Er gießt den Tee auf und schlurft ins Bad. Der Rasierschaum ist leer. Eine neue Packung steht schon auf der Liste. Es klingelt. Na, was soll’s.
Erst ein Summen, dann ein entferntes Türöffnen. Sam lehnt die Wohnungstür an und setzt sich an seinen Platz am Küchentisch.
Ist staubiger als gedacht, naja.
„Hallo Sam“, hört er eine ruhige Stimme im Flur sagen.
„Hi, Nora“, er steht auf und geht zu ihr, „Bist du gut hergekommen?“
„Ja“, sie hält ihm einen kleinen Schuhkarton hin, „das müsste es gewesen sein.“
Sie wickelt sich aus einem dunklen Wollschal und hängt ihn mit Jacke an die alte Garderobe.
„Ja, komm rein“, sagt er, und dann: „Ich habe Tee gekocht.“
„Grün?“
„Ja.“
„Wie geht es dir?“, Nora setzt sich aufrecht an den Tisch, legt beide Hände vor sich auf das Holz und schaut Sam an.
„Ich arbeite bei einem neuen Projekt mit.“
„Schön, worum geht’s?“
„Kamera, Rundfunk.“
„Schön.“
„Dir?“, sagt Sam, wickelt die Fäden vom Henkel ab und trägt sie tropfend zur Spüle.
„Das Studium fordert schon sehr, habe mittlerweile einen netten, kleinen Kreis. Das ist schön.“
„Das freut mich zu hören“, Sam stellt ihr die Tasse hin. Nora schaut nach unten, mit dem Fingernagel kratzt sie eine Kerbe in die Tischkante.
„Ich hab beim Aufräumen die Kanne aus Thailand gefunden. Magst du die haben?“
„Die rote? Ja, die ist schön, aber ich habe schon eine neue.“
„In dem Beutel da im Flur ist deine restliche Wäsche.“
Sie schauen sich einen Moment an, es ist schon eine Weile her, denk er. Ihre Haare liegen wieder auf den Schultern auf. Nora trinkt einen Schluck, setzt die Tasse ab, trinkt noch einen.
„Du, ich muss auch gleich wieder los.“
„Ist okay.“
„Freut mich, dass es dir gut geht.“
„Freut mich, dass du dort schon angekommen bist.“
„Na dann“, Nora nickt und steht auf. Sam erhebt sich etwas schwerfällig und hebt zuletzt den Kopf. Sie umarmen sich, berühren sich mit den Schultern.
Im Flur schlingt sie den Schal um den Hals und wirft sich schnell die Jacke über.
„Vergiss den Beutel nicht.“
„Pass auf dich auf.“
Er nickt, schließt die Tür hinter ihr. Dann trottet er in die Küche, schüttet den Tee in das Becken. Seine Tasse stellt er zum Geschirr.
Ein Tropfen Spülmittel verläuft auf dem gelben, geknautschten Schwamm. Sam wischt ihre Tasse schäumend aus und spült sie gut ab. Nass stellt er sie zurück in das Fach. Auf dem Weg zum Balkon läuft er durch einen Tropfen Tee. Draußen stopft er beide Beutel in den Aschenbecher und steckt sich die halbe Kippe an.

Interferenzen

Mit Bier und Kippe lässt es sich gar nicht so leicht über die kreuz und quer liegenden Schuhe steigen, denkt sie, und dann diese ganzen Matschflecken vom geschmolzenen Schnee. Ich hätte die auch anlassen können.
Aus dem Zimmer hinter ihr dröhnt ein Beat, vor ihr am Ende des Flurs machen zwei Leute offensichtlich betrunken rum, die Hände überall am anderen.
Hinter der Tür links von ihr hört sie Gitarren, ein bisschen wackelig und melodisch.
Ey, das Zimmer kenne ich noch gar nicht.
Sie öffnet die Tür mit dem Ellenbogen und stößt sie mit der Hüfte auf. Nach dreißig Zentimetern wird das Brett von einem Typen im Schneidersitz gestoppt.
„Oh, sorry!“
Er lächelt sie an und rückt ein Stück beiseite.
Sie tänzelt zwischen etlichen Sitzpartygästen hindurch und findet einen Platz auf dem Fensterbrett. Die Luft ist stickig, Rauch wabert unter der Decke.
Ein paar Leute kennt sie hier, einige schauen auf die beiden Gitarristen, manche tuscheln. Während der eine die Griffe vorgibt, sucht der andere verzweifelt nach passenden Tönen und kommt dem Takt für Takt näher.
Der Dunkelhaarige ruft dem Blonden etwas zu, der verändert im nächsten Moment die Tonart und schlägt kräftiger in die Seiten. Jemand schiebt ihm einen Joint in den Mund.
Der dünne Dunkelhaarige lässt seine Finger über das Griffbrett gleiten und schließt die Augen.
Auf dem Fensterbrett fängt die Frau an zu singen. Sie hält erst einmal den Grundton, geht einige Melodieläufe durch und wird Stück für Stück lauter. Nach jeder Zeile, die ihr einfällt, spielt der eine so etwas wie eine Antwort. Er bemerkt plötzlich einen steten Bass von der Cajon und wie sich die Dynamik des Gesangs zwischen die Griffe legt. Er denkt: Diese Stimme, was für eine Stimme.
Plötzlich hält der Blonde einen Akkord, die Cajon schlägt nur noch auf der Eins und die Stimme zieht ein Wort in die länge.
Dann ist nur noch der Bass aus dem Nebenzimmer zu hören ist.
Der Dunkelhaarige öffnet die Augen und schaut auf seinen Kollegen, er erkennt eine Freundin auf der Cajon und blickt kurz zum Fensterbrett.
Grüne Augen, ein breites Lächeln.
Er erwidert.

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