Mindmap der Angst – Essay

Der Workshop heute war anstrengend aber gut. Bin gestern nach der Arbeit nach Halle gefahren, um am Morgen rechtzeitig in Wanzleben zu sein. Hat sich gelohnt. Aber mal ganz kurz. I don‘t get it:

Die Kids sind begeistert. Die stellvertretende Schulleiterin, die Lehrerin und die Organisatorin aus der Stadtbibliothek auch. Im gleichen Atemzug klagen sie über fehlende Mittel, nicht nur für Workshops. Die Kollegien sind unterbesetzt, der Lehrplan ist überfüllt, die Klassen auch. Irgendwie ist man kollektiv überfordert, wenn nicht resigniert. Aber das zugeben? Das wäre ja das Eingeständnis, dass man seinen Jobanforderungen nicht entsprechen kann.
Während eines Workshops in Aken malten mir ein paar Schülerinnen ein verrücktes, buntes Tafelbild für mich. In der Mitte stand: Danke, dass sie uns aushalten. Ich fragte: „Was meint ihr mit aushalten? Wird euch gesagt, dass ihr nicht zum Aushalten seid?“
„Ja“, sie nickten, irgendwie begierig, „uns wird auch gesagt, dass wir dumm sind.“ Ich guckte sie nur an.
Wie überfordert muss jemand sein, um so etwas zu seinen Schützlingen zu sagen? Ich meine, die wurden doch um 1980 rum pädagogisch gebildet, oder nicht? Und die neuen, wenn es sie denn gibt, also die Master und Quereinsteiger, die doch auch. So neun von zehn, hoffentlich. Außerdem reicht doch der gesunde Menschenverstand für so einen Job. Auf die Würde des Menschen zu achten, das wird doch jedem von klein auf beigebracht, vor allem in der Schule, und da waren wir doch alle. Und wir haben doch alle bekommen, was im §1 Abs.1 des Schulgesetzes Sachsen-Anhalts zu lesen ist:

„Insbesondere hat jeder junge Mensch ohne Rücksicht auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine Ethnie, eine Behinderung, seine sexuelle Identität, seine Religion oder Weltanschauung oder seine wirtschaftliche oder soziale Lage das Recht auf eine seine Begabungen, seine Fähigkeiten und seine Neigung fördernde Erziehung, Bildung und Ausbildung.“

Okay, cool. Probieren wir es doch gleich mal aus. „Kinder, nehmt den Stift zur Hand, wir schreiben jetzt. Philipp? Kritzelst wohl gern auf dem Tisch herum, was? Ab in die Ecke, du Schmierfink!“
Geht bestimmt besser. Wie wäre es mit: Ab in den Kunstraum, Papierbögen und Farbe her. Dankeschön.
Ja, aber wo kämen wir denn hin? Dorthin, wo Begabung, Fähigkeit und Neigung gefördert werden?
Ich könnte jetzt auch damit anfangen, dass jedes Kind, dessen Familie hier her kam und keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, nach meinem Begriff in die Definition von ‚jeder junge Mensch, ohne Rücksicht auf … seine Herkunft … oder soziale Lage‘ passt. Sagt mal, ist das nicht eine Straftat, ein Kind in schulpflichtigem Alter die Bildung zu verweigern? Naja, die SchülerInnenzahl steigt sowieso, die LehrerInnenzahl nimmt ab. Das folgt schon einer immanenten Logik.

Ich meine, klar, man muss nun mal hier und da sparen. Das kann ich auch verstehen. Dafür gibt es immerhin in vielen Klassenzimmern den vielleicht ratternden, aber unkaputtbaren Polylux. (Ich stehe tatsächlich regelmäßig neben einem, wenn ich an Schulen unterrichte.) Nur die Glühlampe muss alle fünf Jahre mal gewechselt werden. Damit kann man geileren Scheiß machen, als ein Tafelbild an die Wand zu klatschen. Renaissance im Unterricht? Werft ne Mona Lisa auf die Raufasertapete und malt sie nach.
Oder die Stühle, auf denen SchülerInnen den ganzen Tag sitzen. Die Dinger kann man verbrennen oder damit das Schulsystem bewerfen, wenn es durch die kahlen Gänge spukt, oder beides. Ihr beschwert euch, dass ihr Rückenschmerzen vom Bürojob hab, aber lasst eure Kinder mit einer guten 30-40 Stundenwoche auf Holzbrettern sitzen. Jaja, ach, das sind Kinder, die können das doch ab, oder was? So macht man Rücken kaputt. By the way: Wenn ein Schulkind mal den Kopf hängen lässt, wegen der schweren Schultasche, dem klopf ich auf die Schulter, bis der Oberkörper wieder in Waage ist und sage: Kopf hoch.
Wenigstens wird einem beigebracht, wie man seine Hand und den Stift ergonomisch korrekt hält, die Anleitung wie folgt: ‚So, Kinder, nehmt den Stift zur Hand, wir schreiben jetzt.‘ Problem solved. Chapeau! Ich erbringe auch die beste Leistung, wenn meine Muskeln nach der halben Zeit krampfen.
Ein Arzt hat mir mal erklärt, wie ich das Handgelenk und die Finger in etwa halten sollte. Das wurde mir mitgeteilt, nachdem meine Speiche zum zweiten mal nahe des Gelenks operiert worden war. Ganz praktisch zu wissen, das mit den 30 Grad, aber ein umständlicher Weg, das herauszufinden. Hat ungefähr vier Jahre gebraucht, das selbstständig umzutrainieren. Ich bin aber auch nicht der Disziplinierteste. Geht bestimmt besser.
Und dann so oft dieser Satz: Ich bin nicht kreativ.
Menschen sind kreativ. Das ist eine Grundeigenschaft von Menschen, sonst würde ich nicht in einem IC hin und hergeschaukelt werden, während ich das hier auf einer Plastik-Alu-Tastatur schreibe, die über Wellen mit einem mobilen Endgerät kommuniziert, welches mit einem zweiten mobilen Endgerät kommuniziert, das das Internetz mit dem ersten teilt. Aber nein, viele Kids haben so ein gutes Selbstwertgefühl, dass sie auf die Frage, ob sie etwas betont und langsam vorlesen können, mit Das kann ich nicht antworten. Eine Stunde später machen sie es ohne darüber nachzudenken, sogar mit Mimik und Gestik.
Fünf Stunden, dann bin ich wieder weg, denke: whoa! voll gute Kids. Und dann: fuck, ist das traurig.
Wenn ein Mensch ausgebildet werden soll, dann sollte da auch Raum sein, damit er sich ausbilden kann. Das ist wie mit den gebundenen Füßen chinesischer Frauen. Da kann sich alles so entfalten, wie es soll. Denn so siehts schön aus, so gehört sich das. Ich meine, das ist doch Tradition. So etwas muss bewahrt werden, der gute Frontalunterricht, eine Person für zwanzig, Dankeschön.

Was ich an unseren Schulen sehr zu schätzen weiß, ist die emotionale Bildung. Wie wichtig der EQ ist, davon hört man ja schon ab und an. Da ist bestimmt was dran. Aber stellt bitte nicht die Frage, was Würde bedeutet (ups, hab ich das nicht schon oben angesprochen?) und worauf es für ein gesundes Zusammenleben ankommt (SchulG LSA §1 Abs.2).
Um den guten Proust zu zitieren: „Was tut es denn, ob einer Herzog oder Droschkenkutscher ist, wenn er Geist und Herzensbildung besitzt?“
Und was passiert, wenn eine/r keine Herzensbildung besitzt?

Meine Workshops beginne ich gern mit drei Mindmaps. Zuerst werfe ich die Frage in den Raum: Was ist eigentlich Kunst?
Regelmäßig schreiben die Kids Stichpunkte wie frei sein und Gefühle ausdrücken.
Danach fordere ich sie dazu auf, Angst in die Mitte des nächsten Blatts zu schreiben. Niemand muss vorlesen, was er/sie dort schreibt.
Zuletzt sollen sie ihre Gedanken zu Freude Liebe Glück notieren. Zwischen dieser kleinen Vorbereitung und dem freien Schreiben vergeht ein wenig Zeit – und noch ein Bisschen, bis die ersten sich trauen, die selbstgeschrieben Texte vorzulesen.
Könnt ihr euch denken, wovon die meisten schreiben? Nicht von ihren Hobbys. Auch nicht von ihren Träumen. Niemand ist so ernst wie junge Menschen, die die Aufgabe bekommen, ihre Gedanken frei aufzuschreiben.
Wenn ich an den Kids vorbeischleiche und ihnen beim Schreiben zuschaue, erhasche ich manchmal einen Blick auf die Mindmap der Angst. Manchmal frage ich einzelne SchülerInnen, ob ich einen Blick darauf werfen darf.
Ab jetzt sammle ich die Ergebnisse anonym, vergleiche und fasse zusammen. Ich bin gespannt, was dabei heraus kommt.

Eine wirklich gute Sache möchte ich noch loswerden. Wenn jemand den Mut aufbringt, seine Worte vor dem Klassenverband laut auszusprechen, erntet er dabei keine Häme, kein Gelächter. Niemand findet das peinlich. Selbst die Störenfriede – ich nenne sie liebevoll Systemtester – hören hin, geben Applaus und zeigen ihren Respekt. Manchmal sogar in einer Umarmung, sodass der/die begleitende LehrerIn den Mund nicht mehr zu bekommt und nach dem Workshop zu mir kommt und sagt: „Also, das habe ich noch nicht erlebt.“

Wenn ich das jetzt so lese, scheint es doch nicht wirklich gut zu sein. Zumindest nicht der Teil mit dem das habe ich noch nicht erlebt.
Vielleicht sollten wir genau damit anfangen: ehrliche Zuneigung. Zwischen Politik und Schulwesen, Lehrern und Schülern, Eltern und Kindern und so weiter. Und wo fange ich da an? Na, genau hier, wo ich gerade bin, genau da, wo du gerade bist. Da sind tausende Menschen um dich herum, und wenn du nicht offen auf sie zugehen kannst, dann wurde der Bildungsauftrag leider nicht erfüllt.