Weiterziehen, erster Teil – Kurzprosa

Ich sitze auf den grauen Pflastersteinen des Bahnsteigs, hier, wo er nicht mehr überdacht ist und ich den blassen Abendhimmel anschauen kann. An einen Kasten gelehnt denke ich über dieses ständige Verlassen nach.
Nach zwei Tagen in meiner alten Heimat sitze ich wieder hier, fünf Stunden Zugfahrt liegen vor mir, doch noch bin ich draußen in der kühlen Luft. Eine Stadtbahn fährt langsam ein und bleibt entfernt stehen. Nach ein paar Sekunden strömen Menschen vor und hinter mir vorbei. Ich schaue in den Himmel über ihnen.
Am Rand meines Sichtfeldes dreht sich für einen Augenblick ein Gesicht zu mir, zu meinem Rucksack und dem Gitarrenkoffer. Ich schaue nicht hin. Gleich darauf noch einer. Beim dritten Mal dreht sich mein Kopf unbewusst zu der Frau, die langsam neben ihrem Mann läuft. Sie lächelt für einen Moment. Ich fühle mich ruhiger als vor zwei Tagen.
Unter der Woche bediente ich in einem Café durchschnittlich wahnsinnige Menschen, bürgerlich angezogenen, obere Mittelschicht. Das ist okay. Ich kenne die Abläufe und lächle sowieso gern. Nach der Schicht ging gerade die Sonne unter.
Nun die Fahrt mit dem Bus oder zu Fuß in den Vorort, noch Kleinigkeiten einkaufen für die WG und Telefonate mit Freunden, die gerade eine schwere Zeit durchmachen.

Die Wohnung ist groß, noch nicht vollständig bezogen, und still. Nachdem ich eingezogen war, schlief ich nicht länger als sechs Stunden pro Nacht und wachte ausgeruht auf. Das kannte ich seit fast zwei Jahren nicht mehr. Da ist eben keine Einfallstraße, auf der die Waren der benachbarten Großstadt in die eigene transportiert werden, keine LKW-Kolonne um fünf Uhr früh.
Ich hatte Besuch. Es störte sie nicht, dass ich an jedem Tag der Woche arbeiten musste. „Ich kenne das“, hatte sie dazu gesagt.
Carla schweigt viel, das ist so ihr Ding. Ich weiß, dass ich nichts aus ihr herausquetschen kann, ohne ihre Gedanken und Worte damit einzuquetschen.
Die Stille an dem Abend war anders, unruhiger als sonst – nicht nur ihre Stille, meine auch. Es war Donnerstag und vierzig Arbeitsstunden lagen schon hinter mir.
Ich wollte mir mehr Zeit nehmen für sie, nicht wieder das Konzert vorbereiten oder weiter an der Webseite basteln. Auch das ganze Mailen und Chatten wollte ich einstellen.
Sie setzte sich mit einer dünnen Tüte in den Garten, ich ging zu ihr und ließ mich auf einem hölzernen Klappstuhl nieder.
Meine Mitbewohner hatten vor zwei Wochen Gestrüpp entfernt und es auf einem Haufen gesammelt. Das Licht aus dem Wohnzimmer schien durch die Fensterfront und warf unsere Schatten darauf.
„Machst du dir Sorgen?“
„Weiß nicht, vielleicht ein bisschen“, nuschelte sie.
„Was willst du Emma sagen?“
„Weiß ich nicht, irgendwie…“, sie hielt inne und dachte nach.
„Hm, vielleicht, was willst du gesagt haben?“
Sie überlegte: „Dass ich mich nicht mehr zu Hause fühle und mich eher wie einen Gast sehe.“
„Okay“, sagte ich und nicke.
„Und du? Als du das letzte Mal bei mir warst, warst du viel ruhiger.“
Ich setzte mich aufrecht hin und legte eine Hand auf ihre überschlagenen Beine: „Ich kriege es gerade nicht hin. Hab so viel im Kopf. Die kleine Serie möchte ich nochmal überarbeiten und eigentlich auch die Balladen layouten und drucken. Ich glaub, dazu komme ich nicht mehr vor dem Auftritt. Und wenn du mir etwas erzählst, bin ich nicht mal ganz bei dir“, ich schaute sie betrübt an.
„Hast du die Lieder soweit geübt?“
„Ich glaube, es wird so gehen. Und du? Weißt du schon ein wenig mehr, wie es weiter geht?“
„Ich bin ja immer noch dafür, den eigenen Tod vorzutäuschen“, sie schmunzelte, „aber ein neuer Gastrojob würde es auch tun.“
„Wenn es das Geld zulässt, würde ich dich gern einen Monat mitnehmen, überall hin, dann können wir das zusammen erleben. Ich glaube, die Erfahrung würde dir gut tun.“
„So ein paar Abenteuer wären echt was. Jetzt muss ich mich erst mal um die Versicherung kümmern.“
„Abenteuer, ja, das klingt gut. Noch ne Kippe und dann schlafen?“
Sie nickte.

Am nächsten Morgen Kaffee für mich und Zigarette für sie. Der Bus fuhr bald, ich wollte noch Unterlagen für die neue Versicherung abholen. Dann reisten wir in ihre Stadt, meine alte. Am Abend stand das Konzert mit meinem Bruder an. Ich freute mich darauf, aber auch, dass Carla und ich noch ein, zwei Stunden vor dem Auftritt für uns hatten.
Ich schüttelte meinen steifen Rücken aus und legte mich auf den Teppich in ihrem Zimmer, den Kopf an den Gitarrenkoffer gelehnt.
„Scheiße“, sie kaute gedankenversunken an den Fingernägeln und zog die Augenbrauen zusammen.
„Was denn?“, fragte ich und richtete mich halb auf.
„Ich wurde doch im Sommer beim Schwarzfahren erwischt. Hab das Geld dann überwiesen und jetzt kam eine Forderung vom Inkasso-Unternehmen. Die wollen hundertfünfzig Euro. Ich hatte vor einem Monat mit denen telefoniert und gesagt, dass das Geld schon bei der HAVAG ist. Hab denen sogar ein Bild des Kontoauszugs geschickt.“
Sie strich sich unruhig über die Stirn.
„Lass mal die Pizza essen, die ist bestimmt gleich fertig. Dann würde ich gern den Auszug und die Briefe sehen.“

„Du hast im Betreff eine Ziffer vergessen. Die konnten die Zahlung bestimmt nicht zuordnen. Ach, ich schicke dem Inkasso-Unternehmen ne Mail und wir gehen nachher zur HAVAG und klären das“, sagte ich, „oder ich mache das auf dem Weg zum Soundcheck. Dann kannst du dich noch ausruhen.“
Carla leidet an chronischen Kopfschmerzen und wollte morgen ihren Auszug ankündigen. So ein Brief war nicht gerade hilfreich.
Ich glaube, sie hat eine Menge über die Welt verstanden und findet keinen Weg, das in ihrem Alltag zu leben. So ging es mir jahrelang. Ich hatte mir immer jemanden gewünscht, der mich mitnimmt und mir zeigt, dass es geht.
Der Kundenservice war recht freundlich. Ich solle doch tags darauf wiederkommen mit den Kopien der Unterlagen und einer Erklärung, dass bei der Überweisung ein Fehler unterlaufen ist. Dann könne das Büro mit dem Inkassounternehmen kommunizieren.
Na dann, bis morgen.

Das Lichthaus wurde für den Aufbau und den Soundcheck geschlossen. Ich ging ab und an raus, um eine mit oder ohne Eric zu rauchen und begrüßte vor Einlass die ersten Freunde. Vom alten Job kam niemand. Meine alte WG trudelte ein und auch ein paar verstreute Gesichter von irgendwo. Die Buchhändlerin hatte ihre Zwillingsschwester mitgebracht und Jonathan, ein alter Freund aus Leipzig, kam seit Langem das erste Mal ohne Begleitung.
Kurz vor offiziellem Start bogen meine Eltern um die Ecke. Nach einer knappen Begrüßung und einigen Sekunden melancholischem Gelächle erklärte ich, dass ich mich selbstständig mache. Ich sagte gleich dazu, dass das Geld für die nächste Zeit soweit drin und mein Versicherungsstatus geklärt ist. Ich versuchte meinen Fokus auf das zu legen, was mir gut tat und wollte das Gespräch nicht in die Länge ziehen. Mein Vater holte Luft und ich atmete durch. Innere Festigkeit, das hatte ich mir nicht umsonst tätowiert.
„Dir muss schon bewusst sein“, begann er, „dass eine Selbstständigkeit dazu da ist, um Geld zu verdienen.“
„Ich glaube, dass eine Selbstständigkeit weit mehr ist als das“, warf ich ein.
„Ja, sicher. Du musst mich verstehen wollen.“
Ich verzog keine Miene und wartete, bis er weitersprach, dachte: ‚Du musst wollen, okay. Das beschreibt es ganz gut.‘
„Ich hab das doch auch alles schon gemacht. Schau mal, Eric arbeitet als Mediziner für die Uni und hat etwas gefunden, das er mag. Nebenbei kann er seine Musik machen.“
Ich dachte: ‚Vorhin meinte er, dass das Projekt komisch läuft und dass er stetig an der Musik arbeiten will, bis er nicht mehr auf den Job angewiesen ist.‘
Ich atmete langsam ein und aus und versuchte es ruhig zu erklären: „Zuerst wollte ich den Job in Teilzeit annehmen und wie in Halle nebenbei schreiben“, setze ich an, „dann wurden mir mehrere Workshops angeboten, die mir einen ganzen Monatslohn einbringen. Meine Chefs meinten, das ginge nicht so einfach, sie bräuchten mich an den Tagen. Wenn ich meinem Traum näher kommen will, wie hätte ich den Job annehmen können? Ich habe mir für den nächsten Monat ein Duzend Auftritte besorgt, hier und da auch mit Gage.“
Mein Vater verdrehte die Augen: „Natürlich geht das auch nebenbei. Eben wie es dein Bruder macht. Der ist gut ausgebildet. Bei dir in der Gastronomie, da bekommst du nur nen Appel und n Ei. Jetzt, wo du noch keine Familie hast, verstehst du das nicht. Aber mit einem Kind wirst du merken, wie bettelarm du bist.“
Ich bedankte mich für die aufmunternden Worte und ließ mich mit dem Strom in den Laden treiben. Dort suchte ich Carla und setzte mich zu ihr.
Sie beruhigte, weil sie nicht versuchte mich zu beruhigen. Sie saß einfach da, hielt meine Hand und freute sich auf den Abend. In der Minute vor Beginn der Show nahm mich mein Vater beiseite und erklärte ein weiteres Mal, dass ich unbedingt eine Sicherheit brauche und dass ich es nicht mit der Kunst allein schaffen kann. Ich müsste mir Möglichkeiten schaffen.
„Papa, wenn ich ein Studium beginnen möchte, müsstet ihr mir Geld dafür geben. Ich bin durch deinen Verdienst nicht BAFÖG berechtigt, aber du sagst, dass du mir kein Geld dafür geben kannst. Das ist ja alles schon verplant. Und eine Ausbildung könnte ich nur machen, wenn sie voll vergütet wird, weil ich das BAB nur bekäme, wenn du nicht so viel verdienen würdest. Eigentlich könnten wir alle froh sein, dass ich weder studieren noch eine Ausbildung beginnen möchte.“
Mein Vater geriet in Rage, sein Gesicht wurde rot und er begann mit aufgeregter Stimme irgendwelche Sachverhalte zu benennen. Ich versuchte unbeteiligt zu bleiben und zuzuschauen.
Mein Bruder stellte sich ruhig dazwischen: „Hey, das muss nicht vor dem Auftritt besprochen werden, okay?“
Ich stand auf und ging mit ihm.
Ich hatte nicht erwartet, dass die Eltern nach Halle kommen. Wenn sie bei Auftritten von mir auftauchten, war es mir mittlerweile egal. Wenn überhaupt fand ich es nervig. Ich wollte niemandem etwas beweisen. Wenn mein Vater da war, dann beschlich mich das Gefühl, dass ich ihm zeigen müsste, dass ich es schaffen kann. Das will ich nicht. Das ist idiotisch.
Seit ein paar Jahren suche ich nach einer gemeinsamen Ebene mit ihm, kann diese bei bestem Willen nicht finden. Klar liegt das zum Teil daran, dass mir meine Eltern nah sind. Sonst würde es mir nicht so schwer fallen, bei all der gut gemeinten Demotivation ruhig zu bleiben.
Es fühlt sich für mich an, als würde ich nicht mit einem Vater, sondern mit einer Wand sprechen. Eine Wand mit Mitteilungsbedürfnis und der Neigung zum Sorgen, zum Problematisieren und Besserwissen.

Ich eröffnete den Abend mit Vergangene Angst. Darin geht es irgendwie ums Loslegen und warum das wichtig ist. Danach zwei Lieder, thematisch ähnlich. Ich schloss mit Suche nach dem Guten Leben. Ich glaube, der Inhalt passt meinem Vater nicht ganz.
Zuerst versuche ich das gute Leben mit blinder Schönmalerei zu leben. Ja, da geht er mit. Wenn ich aber davon spreche, dass selbst das Wissen aller Bibliotheken mich nicht erfüllen kann und auch kein Job mit hohem Lohn und Luft nach oben, spätestens da widerspreche ich ihm irgendwie.
Danach spielte mein Bruder sechs Lieder von den Anfängen bis zu den letzten Projekten, die er vor ein paar Jahren begonnen hatte. Dann ging es in die Pause.
Eine Freundin hüpfte auf mich zu. Ich hatte ihr vor einer Weile Dreads gemacht, für heute Abend hing Lavendel darin. Wir umarmten uns herzlich.
Sie war begeistert: „Also bei der Suche nach dem guten Leben ist deine manische Seite krass raus gekommen, zumindest an ein zwei Stellen!“
Ich fuhr durch ihre roten Haare und fragte: „Wars dadurch gut? Oder eher anstrengend?“
„Ich fand es genial, irgendwie wie Schauspiel.“
„Dankeschön. Ich mag mal eine rauchen gehen. Kannst gern mitkommen.“
Sie grinste mich an, schüttelte den Kopf: „Ich hole mir erst mal ein Bier. Sonst stehe ich nach der Pause noch an.“
Ich schob mich durch die Menschen nach draußen. Vor der Glastür tauchte mein Vater auf und winkte mich zu sich.
Ich blieb vor ihm stehen und schaute unbeteiligt lächelnd.
„Hör mal kurz. Ich hab eine Kritik zu deinen Texten. Du sprichst sie zu undifferenziert. Und dieses Geratter, das könnte vielleicht Effekt haben, aber nicht wenn du den ganzen Text so vorträgst.“
Ich schaute unbeteiligt und lächelnd, ich nickte knapp.
„Wenn du deine Stimme mehr wie beim Theater verwendest, und den Text langsamer sprichst, dann würde ich überhaupt erstmal was verstehen. So bekommt man gar nichts mit, nach meiner Meinung.“
„Danke, ich werde in der zweiten Hälfte darauf achten“, sagte ich und schob mich an ihm vorbei. Im Foyer sah ich Eric die Treppe zur Toilette herabsteigen. Ich nahm zwei Stufen auf einmal und holte ihn an der Tür ein. Wir waren allein in dem fensterlosen Raum mit den Pissoirs.
Ich fragte: „Habe ich die Texte gut vorgetragen?“
„Gerade den zweiten fand ich richtig gut. Du machst viel mehr Action als die meisten und spielst die Zeilen gut aus.“
„Okay.“
„Warum fragst du?“, er ging, stellte den Wasserhahn an. Als es wieder still wurde, sagte ich: „Papa fand es zu eintönig.“
„Du weißt, dass du dir alles, aber bitte nicht das zu Herzen nehmen solltest.“
Ich stand vor dem Spiegel und schaute Eric darin an. Er trocknete seine Hände.
„Ich weiß, ja. Es wird auch leichter mit der Zeit. Am liebsten wäre es mir, wenn er einfach wegbleibt. Er kann einem sowieso nichts Positives mitgeben. Aber letztendlich ist er unser scheiß Vater. Was soll ich denn machen?“ Ich zuckte mit den Schultern und wischte die Hände an der Hose trocken.

In der zweiten Hälfte wechselten wir uns immer wieder ab. Ich eröffnete. Das Publikum hatte in der Pause nicht abgenommen, das war ein gutes Zeichen bei einem kostenlosen Konzert. Diesmal spielte ich ein altes Lied, in dem ich schon als sechszehnjähriger davon geschrieben hatte, gern allein zu sein.
Eric zeigte nun neue, raffiniertere Lieder. Wie so oft versetzte mir heavyweight woman eine Gänsehaut. Ich freute mich bei dem Gedanken, dass es bald veröffentlicht wird. ‚Er ist ein scheiße guter Musiker‘, dachte ich, ‚vielleicht auch bald scheiße gut bezahlt.‘ Nach zwei Liedern kündigte er mich wieder an. Nun noch einen Text und ein Lied. Dann war ich durch. Bla, bla. Zum Schluss das Lied, das wir zusammen geschrieben hatten. Noch ne Zugabe, aha. Ich las Du bist eine Festung, da hatte ich gerade das Lesezeichen im Buch.

„Hey, hast du einen Augenblick für mich?“
Ich stand etwas neben mir und starrte ohne Fokus durch das Lichthaus. Eric und ich hatten uns vor zehn Sekunden ein letztes Mal Arm in Arm verbeugt. Jetzt setzte jazzige Aftershowmusik ein.
Ich drehte mich zu der Stimme und sah eine schöne junge Frau vor mir. Sie trug gedeckte Töne, die Kleidung aus Baumwolle und Hanf. Ihr Gesicht war schön und bis auf ein paar kleine Leberflecke ebenmäßig. Ihre blassen grünen Augen schauten mich zurückhaltend und doch ganz genau an. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.
„Entschuldige, hi“, sagte ich unsicher.
„Deine Lieder haben mir richtig gut gefallen. Kann ich mir davon irgendwo mehr anhören?“
„Nee, noch nicht. Es war eigentlich der Plan, die Lieder mit ihm aufzunehmen“, ich zeigte auf Eric, „dann waren mir andere Sachen doch wichtiger. Das holen wir vielleicht mal nach.“
„Schade“, sie lächelte, „und wenn ich fragen darf: Woran glaubst du eigentlich?“
So etwas hörte ich selten. Ich stockte.
„Das ist ne gute Frage. Ähm, ich versuche es kurz zu halten.“
„Ja“, schob sie verunsichert ein, „da wollen bestimmt noch andere mit dir reden.“
Ich winkte ab: „Ach, darum geht es nicht. Ich könnte da einfach Stunden drüber sprechen.“
Ich holte noch einmal Luft, um die Gedanken konzentriert auszusprechen: „Ich wurde christlich erzogen, habe mich aber von Religion weit entfernt. Letztendlich glaube ich an Gott, das All, Liebe, Atman, wie auch immer du das nennen willst. In den monotheistischen Religionen gilt ein Satz oft als der Wichtigste: Es gibt nur einen Gott. Pass mal auf, wie man den betonen kann. Die meisten sagen: ‚Es gibt nur einen Gott‘. Ich sage lieber: ‚Es gibt nur einen Gott.‘ Also alles, dieser Stuhl hier, deine Klamotten. Die ganzen dreckigen Autos da draußen. Und ich glaube, dass die Menschheit gerade so etwas wie eine Pubertät durch macht. Wir grenzen uns so weit wie möglich von Mutter Natur ab, denken, wir wüssten alles besser, bis wir auf die Fresse fliegen und dadurch unsere Grenzen kennenlernen.“
Mein Vater unterbricht: „Wir wollen uns verabschieden.“
„Einen Moment“, sage ich, ohne den Blick von der Frau zu nehmen: „Dann sind Menschen vielleicht eher bereit, umzukehren und den ganzen Scheiß hinter sich zu lassen, der uns eigentlich kaputt macht. Vielleicht schaut man sich bald wieder in die Augen, wenn man aneinander vorbei läuft. Beantwortet das so ungefähr deine Frage?“, ich schaute wohl ein bisschen komisch. Sie lächelte mich an und gluckste fröhlich. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und wartete.
„Ja, hast du. Danke nochmal für deine Texte. Kann ich die irgendwo kaufen?“
„Nope, auch nicht. Ich bastle gerade an Heften. Wenn du mir ne Nachricht schreibst, kann ich sie dir gern als PDF schicken oder so.“
Sie nickte kurz und nahm mich fest in den Arm, so richtig mit Kopf an Kopf und Körper an Körper. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich brauchte einen Augenblick, bis ich mich an sie schmiegen konnte.
Ich mag es, wenn fremde Menschen ehrlich herzlich zueinander sind.
Sie wünschte mir alles Gute.
Ich drehte mich zu meinen Eltern und nahm sie nach einem flüchtigen Blickkontakt kurz in den Arm. „Schönen Abend, kommt gut an.“
Ich drehte mich nach rechts zu einer Frau in weißem Strickpullover, die das Gespräch mitgehört hatte.
„Ich habe eine Frage an dich“, sie kniff die Augen verdächtig zusammen. „In deinem ersten Text, da sagst du das mit der Angst. Die Grundlage der Angst… irgendwie so.“
„Die Grundlage der Freiheit ist vergangene Angst. Meinst du das?“
„Genau. Sag mal, von wem ist das Zitat nochmal?“
Ich lachte: „Das ist von mir.“
„Ehrlich?“, sie schnappte nach Luft und lehnte sich überrascht zurück.
„Ja“, ich zuckte mit den Schultern, „ist ja nicht so, als würde ich mir meine Gedanken aussuchen. Ich verstehe die Sachen meistens erst eine Weile später.“
„Vielleicht hat dich Gott so sehr leiden lassen, dass du jetzt so etwas daraus machen kannst.“
“Hm, ich glaube, das kann jeder, wenn er das nur will. Aber danke.“