ich sitze gerade irgendwo in Berlin Kreuzberg auf einer Bank. Es ist halb acht abends am ersten Oktober, die Sonne ist unter und die Laternen und Neonschilder sind angegangen. Die Straßen um mich herum rauschen ganz angenehm. Ich höre Musik mit deutschem Text. Ich kann mich leider nicht darauf konzentrieren, weil ich ja schreibe. Die Menschen um mich herum laufen, bleiben stehen, kehren um. Jeder für sich. Die Autos können nicht umkehren, doch wenn, dann würden sie das bestimmt tun. Die Schritte der Leute sind langsamer als tagsüber. Meine Kippe ist aufgeraucht. Warte kurz, ich steck mir schnell ne zweite an. Okay. Ich müsste eigentlich nach Hause fahren, wenn ich eins hätte. Ich wohne bei einer Familie, zwei Eltern, drei Kinder, zwei davon leben noch da, ungefähr mein alter, nicht annähernd das, was ich als Freunde bezeichnen würde. Trotzdem meine besten Freunde. Aber beste Freunde heißt nicht gute Freunde, nur dass es keine besseren gibt. Aber das ist okay. Ich bin gern allein.

Hin und her und hin und her und hin und schwer. Primitiver Text aus meinen Kopfhörern, durch meinen Ohren in meinen Kopf. Emotionaler Scheiß. Ich mag das. Guter emotionaler Scheiß. Ich mag das.

Jemand hat sich auf die Bank neben meiner gesetzt. Okay, nicht meine. Egal. Frau, ich schätze mal Mitte 30, großer hellblauer Koffer, kleine weiße Zigarette. Sie steht wieder auf, setzt sich hin. Steht auf und geht weg. Ich schau kurz auf, ich sehe sie nicht mehr. Egal. Nicht meine Geschichte, und doch drehen sich meine Gedanken für zwei, drei Momente nur um sie. Und ihren Koffer, die Zigarette, der ordentliche Zopf, ihr leerer blick und jetzt ihre Abwesenheit.

Ein vergilbtes Blatt ist auf die Bank neben mich gefallen. Eigentlich wollte ich aufhören zu rauchen, dann würde das Blatt nicht in meiner Asche liegen. Wenn sich das Blatt aussuchen könnte, wohin es falle, dann würde es jetzt bestimmt woanders sein. Vielleicht auch nicht. Masochistenblatt. Keine Ahnung, ist mir egal.

Nächste Frau auf der Bank neben meiner. Zwei Beutel, eine Karte. Es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen. Sie versucht es trotzdem. Die Karte verschwindet halb unter ihren Haaren. Lang, etwas kraus, irgendwie unordentlich, aber passt schon.

Ich frag mal, ob ich helfen kann. Sie spricht nur englisch. Ich konnte ihr helfen, sie hat sich bedankt, sie läuft los, in zwanzig Minuten ist sie da, wo sie hin will. Ich sitze hier und will eigentlich auch weg, weiß nur nicht, wo es mir besser gehen würde. Dritte Zigarette, zweites Album emotionaler Scheiß oder so. vielleicht denkt sie noch einmal an mich, oder auch nicht. Ändert auch nichts, oder doch? Ich werde es nicht wissen. Will ich auch nicht. Aber was macht man nicht für ein bisschen Ablenkung.Vielleicht schreibe ich irgendwann mal ein Buch. Aber bis jetzt hatte ich nie die Ausdauer dafür.

Ein Typ, Mitte 20 setzt sich auf die ach so tolle Bank, die, auf der ich nicht sitze. Keine Zigarette, keine Karte, weder Tasche noch Koffer. Dafür Bier und Smartphone. Zu jeder Zeit beeinflusst man das Leben anderer. Eine Frau sieht mich und kramt nach ihren Zigaretten. Ich mag die Vorstellung, dass meine fast tote dritte kippe, sie darauf gebracht hat. Ach wie schön, dass man sich gegenseitig animiert zu sterben, rauchen. Wie auch immer. Der Typ geht telefonierend weg. Er hinterlässt ein zerknülltes Taschentuch. Ich hoffe es liegt da bequem. Es wird da wohl noch eine Weile liegen. Wahrscheinlich länger, als ich hier sitze.

An dem Laden gegenüber hängen grünblaurote Lichter. Fällt mir erst jetzt auf. Ich bin gelangweilt. Wenigstens bin ich irgendwas, denn man verlangt ja, dass man irgendetwas ist. Gerade dachte ich noch, wie schnell die Zeit vergeht, wenn ich wieder auf die Uhr schaue, ist es immer noch jetzt. Ich muss auf Toilette. Das stört mich, nicht weil das unangenehm ist oder so, sondern weil es das dreckige Idyll der zwei Großstadtbanken, meine und die ach so tolle, zerstört.

Endlich wieder jemand auf der Bank neben mir. Älterer Typ, Bier und Kippe. Ich rauche auch noch eine. Zerschlissene Klamotten, graue Haare, Augenringe, kaputter Rucksack. Ich frage mich, was seine Geschichte ist. Und ob Geschichte in diesem Fall mit sch oder r geschrieben wird. Er dreht sich noch eine. Jeder hat eine Geschichte und niemand kann mir erzählen, dass davon auch nur eine langweilig ist. Der Mann schaut ab und zu zu mir rüber, ich frag mich was er denkt. Er geht. Irgendwo hin. Ich frag mich, ob er weiß, dass ich meine Zigarette seinetwegen rauche. Nicht für ihn, durch ihn. Neben, aber ohne ihn.

Meine Hände sind kalt. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke hoch, als ob das was bringt. Ich bin müde und verschnupft. Alte Bank, neuer Typ. Zu dem Taschentuch gesellt sich eine Plastikbox und ein Kronkorken. Er dreht sich eine Zigarette. ich nehme mir auch noch eine. Ich rauche zu viel, denke ich. Vor ein paar Tagen wollte ich noch aufhören. Aber das ist nicht wichtig. Jemand trägt eine Pizzaschachtel an mir vorbei. Aber keiner trägt den Sinn, singt mein emotionaler Scheiß. Ich mag das. Das bringt Entschleunigung. Ich frag mich, wie er da im T-Shirt sitzen kann. Ich frage mich zu viel. Wer nicht fragt bleibt dumm. Wer keine Antwort bekommt auch. Keine Zigarette. Es riecht nach Gras. Ich finde das irgendwie lustig. Eher absurd. Irgendwas dazwischen. Ich bleibe noch sitzen, bis der Joint tot und der Typ weg ist. Ich denke, keine Ahnung was. Ich sitze jetzt über eine Stunde hier. Der Typ hustet sich einen ab, trinkt Bier, Leben gerettet. Oder auch nicht. Meine Gedanken sind sinnlos, irgendwie fehl, aber egal. Der J gibt bestimmt noch ein, zwei Züge her. Der Tip nochmal ein paar. Ich will los. Ich warte noch.

Letzte Zigarette. Die Bank ist wieder leer.

Ich kam für ein paar gute Gedanken und geh mit Staub auf meinen Schuhen. Und das Taschentuch liegt immer noch da auf der ach so tollen Bank, die niemand als ach so toll erachtet, außer ich und vielleicht das Taschentuch. Das nächste Mal setze ich mich auf die andere Bank.

RJK